IMMER SO NETT


'Waldinterieurs' nennt Astrid Korntheuer die Serie von Schwarz-Weiß-Arbeiten, die Wald pur zeigen. Wald, den eigentlich jeder kennt: Er lädt ein durch seine romantischen Durchblicke auf Lichtungen, durch sein behütendes Blätterdach oder bedeutungsvolles Rauschen von Tannenwipfeln. Er verspricht Erholung und Labsal.
Diese fast allgemeingültige und symbolhafte Wahrheit wird noch verstärkt durch das Medium der Schwarz-Weiß Fotografie. Astrid Korntheuer hat in ihren anderen Serien gezeigt, wie gut sie als Künstlerin mit Farbe in einer Fotoarbeit umgehen kann, sie für ihre Kompositionen zu benutzen weiß. Bis zu dem Grad, den man von den Arbeiten William Egglestons kennt: würde man die Farbe eliminieren, würde die Komposition nicht überleben. Warum also die 'Waldinterieurs' in Schwarz-Weiß, warum nicht in vielen bedrückenden Farben?
In 'Cerro Castillo 1' möchte man am liebsten eintauchen in das Meer aus Licht und Schatten, aus weichen Moosen und Farnen. Wie gerne würde man sich der Poesie des Licht- und Schattenspiels hingeben - wenn da nicht der vollkommen unsichere Waldboden wäre, auf dem man vergeblich nach einem gangbaren Weg sucht. Das Bild 'Indiwald 3' hat etwas Verheißendes, wie das Licht am Ende eines Tunnels. Aber der Weg dorthin wird einem durch das Gitter der Äste verwehrt. Die Blätter in 'Rosenhöhe 8' schichten sich wie die Stufen eines Berghanges dem Himmel entgegen, ohne dass man auf ihnen auch nur einen Schritt dorthin gelangen könnte.
Die Distanz, die aus den so nahe aufgenommenen Bildern von Astrid Korntheuer spricht, wird durch das Medium Schwarz-Weiß-Fotografie umso deutlicher. Sie wird durch dessen Abstraktionsgrad zum Verweis auf die mit dem Wald verbundenen Metaphern, wie sie zu Beginn angedeutet wurden.
Allerdings wird diese Idylle für den Betrachter zum Verhängnis. Nicht nur, dass man in vielen Bildern kaum den Boden wahrnehmen kann, auf dem man sicher stehen könnte. Die Zweige und Äste werden zu undurchdringlichen Vorhängen. Wo man Idylle erwartet, ist kein Durchkommen. Die doch sonst so, wie wir immer wieder meinen, 'nette' Natur wird zur undurchdringlichen Mauer, die um so abweisender wird, je mehr man sich auf das Licht-und-Schatten-Spiel Astrid Korntheuers einlässt - auf das verheißungsvolle Licht und die Tiefe, die ihre Inkjetprints so bestechend wiedergeben. Sie benutzt die Weiß-, Grau- und Schwarzwerte und den Kontrast in ihren Bildern wie in einer Orchesterkomposition, um einen Gesamteindruck zu formen, der ins Universale zielt und mit dem sie unser feines Empfinden für diese Sphäre umso gezielter trifft. Er kommt dem Hinauswurf aus dem Paradies gleich.

 

Thomas Poller, 2006

 

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