OHNE TITEL


Astrid Korntheuer inszeniert und fotografiert voll gestopfte Räume, in denen die Wirkungen der jeweiligen Objekte, Materialien und Motive sich derart anhäufen und überlagern, dass neue Sinnzusammenhänge entstehen. Es sind zergliederte Räume, in denen eine von pluralistischem Leben plötzlich beseelte Realität zersplittert und dem Gesetz der Vorstellungs-kraft untergeordnet ist. Dieses neue Leben breitet sich wie ein Spinnennetz in einem komplexen Irrgarten aus. Durch die Betonung von Ähnlichkeiten und Unterschiedlichkeiten, von Parallelitäten und Echos, von Vergleichen und Kontrasten, von Zersplitterungen und Vereinigungen, akzeptiert jedes Element das, was es umgibt und geht das Risiko ein, sich darin zu verlieren, anstatt sich in die enge Sicherheit seiner eigenen Erscheinung einzuschließen.

Dennoch irrt man sich, wenn man denkt, dass diese Unordnung nur in Hinsicht des Diskontinuierlichen und Fragmentarischen funktioniert. Es ist keine Rede davon, die Logik eines Bruchs zu kultivieren und dem Betrachter die Rolle zu überlassen, ein Ensemble aus diesem Sammelsurium und nicht aufeinander Abgestimmten zusammen zu stellen. Astrid Korntheuer beschränkt sich nicht auf die Schaffung eines Raums, in den alles hinein kommt, alles existiert, alles hervorsticht und überquillt, vielmehr zeigt sie auf, wo Verbindungen fehlen. Hier geht es darum, es so einzurichten, dass diese offenen Brüche aufhören und an der Kraft und der Strenge der Komposition teilhaben. Damit dieses kaleidoskopische Bild auch ein Synonym für Ordnung und Harmonie darstellt, ist es zwingend notwendig, seine unterschiedlichen Bestandteile zu homogenisieren und mit einer dermaßen hohen Konzentrationskraft ihre Tendenz zur Verzettlung zu kompensieren, dass die einzelnen Elemente dazu gebracht werden, in positiver Relation zueinander zu existieren und eine aktive, wechselseitige Beziehung zu pflegen.

Die Einheit dieser Fotografien ist von ihrer malerischen Natur abhängig. Ein breiter Fächer an Farben sorgt für Differenzierung und Zirkulation. Ein Gleichgewicht entsteht zwischen den von einer Geometrien geprägten und anderen, präzisierten, konkreteren Formen. Dekoration, Szenenbild und Situation betonen besonders alles, was die Wahrnehmung in Alarmbereitschaft hält: Fokussierung, Tiefenschärfe, Bildausschnitt, Perspektive, Beleuchtung. Aneinanderreihungen stellen Sinn her. Netze von Analogien unterstreichen gemeinsame Bedeutungen, indem sie mutmaßliche Gegensätze miteinander in Einklang bringen. Astrid Korntheuer bezieht somit den Blick in eine permanente Auseinandersetzung mit dem, was er erkundet, ein.


Didier Arnaudet, 2009, übersetzt von Astrid Korntheuer

 

  << BACK