ASTRID KORNTHEUER


Astrid Korntheuers Fotografien sind Landschaftsbilder. Bilder von Landschaften, die weder romantisch noch lieblich sind; Landschaften, die nicht natürlich, sondern zivilisatorisch geprägt sind; Landschaften, die sich über die Natur hinaus auf Innenräume ausweiten.
Die Fotografien zeigen Chaos: Äste, Laub, Grashalme, Comicfiguren, Sentimentalitäten, Kuriositäten. Komplexe dreidimensionale Gefüge und deren zahlreiche Staffelungen werden in das zweidimensionale Medium der Fotografie überführt. Das Bildmotiv verschmilzt in der Abbildung zu einer Fläche, die sich vor dem Betrachter verschließt, sich von ihm abgrenzt, sich wie eine Mauer vor ihm aufbaut. Die großformatigen Fotografien werden zu Bühnenbildern, die keine realistische Darstellung intendieren, sondern als künstliche, konstruierte Bilder eine klare Distanz zum Betrachter schaffen. Das eigentliche Motiv ist zweitrangig und wenig spektakulär.
Schwarzweiß-Aufnahmen (Loh) zeigen Nadelbäume, Laub, Gräser und Äste. Versucht man die Bilder genauer zu erfassen, in die Landschaft einzutauchen, löst sich die Natur auf. Gräser, Äste und Laub werden zu einer undurchdringlichen grafischen Oberfläche. Das Chaos tritt in den Vordergrund, hier verstärkt durch eine zusätzliche digitale Bearbeitung: Helligkeit und Dunkelheit wurden neu verteilt, ein Horizont, der Rückschlüsse auf die Perspektive und damit auf ein Ordnungsprinzip zulässt, ist nicht mehr zu erkennen.
In drastischem Gegensatz dazu stehen die Bilder der Serie Horizonte. Sie formulieren die Umkehrung des Chaos – schlichte Ordnung. Der Deich teilt das Bild in ein Oben und Unten; Himmel und Erde grenzen sich klar von einander ab. So schlicht, dass es an abstrakte Farbfeldmalerei erinnert. Nur bei näherer Betrachtung lassen sich vereinzelt zivilisatorische Details im dunstigen Übergang zwischen Himmel und Erde erkennen.
Von hier aus bricht Astrid Korntheuer zu einer neuen Unordnung auf. Die Fotografien der Serie Sammlungen weiten die Landschaft auf das Museum aus. Es sind keine klassischen Museumsinstitutionen, sondern vielmehr kleine Sammlungen, auch Geschäfte, deren Erinnerungslandschaften sich aus historischen und sentimentalen Exponaten von subjektivem Wert und allerlei Tand zusammensetzen. Entsprechend sind die Räume durch keine klaren Hierarchien geordnet und strukturiert. Das Gewirr der unterschiedlichsten Gegenstände ist ebenso undurchdringlich wie zuvor das Gestrüpp der Gräser und Äste; es bleibt als Oberfläche verschlossen. Der Betrachter ist vor dem Bild allein gelassen. Es gibt keine (Bedeutungs-)Perspektive, keinen Fokus, der ein Objekt in den Mittelpunkt stellen und seinen Blick lenken könnte. Bloß das Chaos ist allgegenwärtig – und verbindendes Prinzip in Korntheuers Fotografie.

Von Stephanie Seidel, 2007

 

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