SAMMLUNGEN


Zwischen 2007 und 2008 entstand Astrid Korntheuers Fotoserie „Sammlungen“, Es sind Arbeiten, die in ihrer Wirkung durchaus ambivalent ausfallen: Als Betrachter kann man ihnen fasziniert gegenüberstehen - mitgerissen von formalen Merkmalen, oder das beklemmende Gefühl verspüren, angesichts Vielzahl der auf ihnen gezeigten Objekte den Überblick zu verlieren und von ihnen übermannt zu werden. Irgendwo zwischen ästhetischem Genuss und visueller Überforderung merkt zudem unser Forschergeister auf: Wir unternehmen den Versuch, der gebotenen Situation Herr zu werden, indem wir uns einen Überblick darüber zu verschaffen suchen.

Vordergründige Annahmen, die dokumentierten Objekte stünden im Fokus der Aufnahmen, verlieren im Laufe der Betrachtung an Halt. Die scheinen vielmehr Mittel zum Zweck eines Spiels mit formalen Mitteln zu sein. Astrid Korntheuers Arbeiten bieten also zweierlei, zum einen Motive aus vielfältigen Gegenständen und zum anderen die Wirkung ihrer Inszenierungen - und beide sind nur bedingt aneinander gekoppelt.

Festzustellen ist: Die Bildobjekte der „Sammlungen“ liegen miteinander im Kampf. Allesamt buhlen sie darum erster zu werden, wollen sich gegenseitig überbieten, ausstechen, übertrumpfen, mit dem Willen zum Sieg – dem Sieg über die Aufmerksamkeit des Betrachters. Der ist mit der gebotenen Situation überfordert denn die Bilder der Serie bilden ein schier undurchdringliches Dickicht aus Farben, Formen, Mustern und Strukturen unterschiedlichster Ausprägung, flächig über die Bildfläche hin gebreitet. Ohne Fixpunkt und Blickachse streift der Blick in dieser Fülle haltlos und ungelenkt umher, haftet fahrig mal hier, mal dort, stets aufs Neue abgelenkt von zusätzlich entdeckten Attraktionen. Reizüberflutung droht ihn zu lähmen und bringt ihn an den Rand der Kapitulation.
Mit der gleichen Vehemenz jedoch, in der die Fotografien in ihrer engmaschigen Struktur den Betrachterblick abschirmen und zurückweisen, zieht ihre von Farbabstufungen und Strukturen bestimmte Vielfalt ihn an. Letztlich geht der Kampf der Dinge auf, wir ergeben uns, spenden die verlangte Aufmerksamkeit und lesen sie Stück für Stück wie Teile eines Puzzles.

Die kampflustigen Objekte der Fotografien sind Akteure verschiedener dingüberfrachteter Ausstellungsräume, in die uns die Astrid Korntheuer Einblick gewährt. Sie liegen jenseits des üblichen Erfahrungshorizontes von Kunstschaubesuchern: Fernab der Ästhetik selektiv präsentierter Arbeiten innerhalb eines „White Cubes“ sind hier Einsichten in Arsenale dokumentiert, in denen manisch zusammengetragen scheint, was irgendwie zusammengehört. Wohl das Zusammenspiel von Platzmangel, Sammelwahn und der Weigerung auszuwählen schuf diese Schaukabinette, in denen horror vacui vorherrschendes Gestaltungselement ist. Dokumentiert sind „Sammlungen“ im ursprünglichen Sinn; Kuriositätenkammern, Dingspeicher, die thematisch Zusammengehöriges horten, das wohl nicht über die Form seiner Präsentation, vermutlich aber in seiner Gesamtheit Überblick über unterschiedlichste Themengebiete gibt. Gemeinsam erzählen die Dinge Geschichten der Vergangenheit, der sie angehören. Denn bestünde ihre Zeit noch fort, wären sie Teil davon und befänden sich folglich an einem anderen Ort.
Nicht allein dieser Aspekt verleiht den Dingen eine gewisse Tragik. Sie alle erhielten das Zertifikat „museumswürdig“, und fanden ihren Weg in den Ausstellungsraum. Doch nun krankt ihre Inszenierung an Überbevölkerung. Aufmerksamkeit zu erregen ist dem Einzelnen unmöglich. Was hier präsentiert wird, sind Sinnbilder für das Überangebot an Dingen, das unser aller Alltag bestimmt. Aus ihrem ursprünglichen Kontext genommen, wirken die Dinge als solche nun um so stärker. Sie verbreiten den Eindruck staubiger Leblosigkeit und erinnern an die Ausstattung mit Nutzlos gewordenem verstellter Dachböden. Se überfluten nun visuell den Betrachter, was Astrid Korntheuer über die Wahl ihrer – klaustrophobische Stimmungen erzeugende - Bildausschnitte in Szene zu setzen weiß. Und dennoch geht von den Akkumulationen ein bestimmter Charme aus, dem man sich kaum entziehen kann. Denn wer in Gerümpel sucht, wird mit Funden belohnt. Beim Durchgraben der Objektschichten auf der Oberfläche der Fotografien können die Dinge in unserem Kopf Gestalt annehmen, sich mit eigenen Erinnerungen verbinden in unserer Vorstellung zu Protagonisten vergangener Szenen werden.

Tun wir das nicht, bestechen die Fotografien auf andere Weise. Betrachten wir die Bildausschnitte als Ganzes, ist es nahezu unmöglich, Dreidimensionalität in ihnen zu erkennen. Unser Blick wird vehement von der detailverstellten Oberfläche zurückgeworfen. Verabschiedet man sich von dem Drang dazu, stets die Objekte selbst als etwas Bestimmtes-, als Inhaber von Funktionen zu sehen, geschieht Erstaunliches: Sie verwandeln sich in abstrakte Kompositionen. Aus Bildern, mit Gegenständen überfüllter Räume werden ungegenständliche Bildwerke. Die bereits oben erwähnten Strukturen und Farbabstufungen treten nun en bloc auf, miteinander verbunden zu abwechslungsreichen, wohlkomponierten Variationen. Als Betrachter kann man ob dieser Verwandlung nur mehr Staunen: Aus leblosen Dingen im Raum werden lebhafte Strukturen auf der Fläche.

Katja Schöwel, 2010

 

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