STORYTELLING, Rede zur Ausstellung von Astrid Korntheuer und Katrin Bäcker am
11.03.2011in DRESDNER SEZESSION 89 e.V. galerie drei



Meine sehr verehrten Damen und Herren,

die Einladungskarte fiel mir auf, als sie mir in einer Unmenge anderer Einladungen zu Ausstellungseröffnungen aus dem Briefkasten entgegen fiel. Ich war neugierig geworden.
Als ich nun gestern die galerie drei betrat, empfing mich ein kostbares Funkeln und Glitzern, ein Panoptikum von kuriosen Merkwürdigkeiten, die mich gefangen nahmen, die mich mit ihrer schrillbunten Farbigkeit berauschten und die ich dennoch nicht zu deuten wußte, auf dem ersten Blick zumindest. 
Waren es die verlorenen Paradiese, an die man sich nur schemenhaft erinnern kann? War es eine Parodie darauf? In meinem Kopf hörte ich Geräusche eines Rummelplatzes. Und ich war mir sicher, dass das, was ich sah etwas mit dieser gegenwärtigen Gier nach mehr und noch mehr und der Potenzierung von vielviel mehr zu tun hat, etwas mit der sprichtwörtlichen Obdachlosigkeit des Menschen in einer technokratischen, funktionalen Gesellschaftsform, die keine Ausbrüche duldet. Aber hier, das ist doch Ausbruch, der Zeit, die unwiederbringlich vergeht, zu entkommen...
„Storytelling“, so der Titel der Ausstellung, deren Arbeiten Malerei von Katrin Bäcker und Fotografie von Astrid Kontheuer verbindet, die  ineinander überzugehen scheinen, die sich sogar auf irritierende Weise ergänzen.
Ein Konzept, dachte ich! Weit gefehlt.
Beide Künstlerinnen haben sich durch die glückliche Wahl der Ausstellungskommission der Sezessionistinnen zusammengefunden.
Jede erzählt ihre eigene Geschichte, die etwas mit dem Verlorensein im Jetzt zu tun hat, mit dem Größenwahnsinn der Menschheit, sich der Natur zu entheben, mit der Reizüberflutung, der wir nicht mehr Herr werden, dem Lärm um uns herum und der Sehnsucht nach Entschleunigung.
Die schönen Oberflächen, der Farbschmelz verändern sich im Sehen, wenn das Schicksal gnadenlos apokalyptisch in den Alltag einbricht. Wird man sich nicht erst dann der vielen unwichtigen Dinge bewusst, die Lebenszeit stehlen?
Der Mensch kann Sehnsucht empfinden und sich  Hoffnungen ausmalen. Beide Künstlerinnen setzen dem widersprüchlichen Außen, ihre Welt einer eigenwilligen Poesie entgegen, die von Nähe und Ferne genährt wird. Diese Polyphonie läßt verwunschene 
Bildmetamorphosen entstehen.
Real-Vertrautes und Traumhaft-Imaginäres werden miteinander verwoben, Findungen und Erfindungen ergeben die Struktur einer traumwandlerischen Bildwirklichkeit, die  Atempausen in sich tragen, die dem Auge Zeit geben, der Phantasie Raum lassen, durch die Arbeiten zu wandern, und zwar in der Zielrichtung vom Außen zum Innen.
Es lebt das Prinzip surrealer Verknotungen in diesen fabulösen Irrgärten des Verstandes, die Fallen stellen.
Fremdheiten wachsen zu Möglichkeiten, aus denen die Künstlerinnen ihre Wahrheiten destillieren, die verschlüsselten Geheimnisse, in der wir entfernte Zeiten und Wirklichkeiten gleichzeitig erleben, in denen die Ungleichzeitigkeit des Raumes in Zeitlosigkeit mündet, in eine Traumzeit voller Visionen, die eine „nerverendingstory“ ständiger Wiederholungen ergibt, dem Leben einen Sinn abzuringen, aus Rollenzuweisungen auszubrechen, der Gravitationskraft zu entkommen, das Chaos zu ordnen.
Sie sensibilisieren uns für innere Wahrheiten, unsichtbare Inhalte, irrationale Logik.
Aus ihnen spricht eine Wurzelbedürftigkeit, das Bedürfnis nach Sinnlichkeit, sinnlicher Fasslichkeit und intimer Dichte in Verhältnissen, die durch zunehmende Unübersichtlichkeit charakterisiert sind.
Ausbruch und Meditation, laut und leise.
Beide Künstlerinnen spielen einschmeichelnd mit der visuellen Neugier des Betrachters und sie verblüffen den Betrachter mit optischen Attraktionen, und überwältigen ihn mit der Möglichkeit, dass diese dekadenten Geschichten eines schrillen, bodenlosen, ja gefährlichen Paradieses ein gutes Ende haben könnten, wenn man die Augen öffnet.

Was sieht man: kuriose Innenräume, leuchtende Farbfelder, glitzernde Konglomerate, Waldgestrüpp, skurrile Männer in Anzügen, die Karussell fahren, angstvoll im Wasser stehen, Menschen in kosmischen Anzügen, die wie in Trance Bäume umarmen, rosafarbene Pelikane in der Stadt, ein Sammelsurium von gesammelten Gegenständen, einen andachtsvollen Raum. Räume sind überhaupt wichtig in dieser Ausstellung.

Astrid Korntheuer, geboren 1979 in Schwelm, studierte von 1999 bis 2005 an der Hochschule für Gestaltung Offenbach zunächst Bühnenbild und später freie Gestaltung und Fotografie. Ein ERASMUS-Stipendium ermöglichte ihr 2002/03 eine zusätzliche einjährige Ausbildung an der Hochschule in Antwerpen. Sie erzählte mir, dass sie seit 2005 ausschließlich als Fotokünstlerin tätig sei. Anfangs hat sie sich mit verwilderten Landschaftsräumen beschäftigt, mit „Gestrüpp“ wie sie sagte, dann entwickelte sie eine Serie von kuriosen Museumsinnenräumen, wie Innenraumgestrüpp um dann Bilder selbst für die Kamera zu inszenieren, die sie wie dreidimensionale Malerei behandelt. Sie kombinierte Gegenstände, die eigentlich keineswegs zusammengehören, die dennoch etwas zu erzählen scheinen, wenngleich sich die Denkanstöße, die sie auslösen im Dickicht ihrer Ordnung verlaufen. Danach entdeckte sie das schöne Chaos, in fließenden Installationen, die sie ständig veränderte. Zu sehen sind brillante Fotografien, die mitunter die Form von Schaukästen annehmen können.
2009 schrieb Didier Arnaudet folgende Sentenz nieder: „Astrid Korntheuer inszeniert und fotografiert voll gestopfte Räume, in denen die Wirkungen der jeweiligen Objekte, Materialien und Motive sich derart anhäufen und überlagern, dass neue Sinnzusammenhänge entstehen. Es sind zergliederte Räume, in denen eine von pluralistischem Leben plötzlich beseelte Realität zersplittert und dem Gesetz der Vorstellungskraft untergeordnet ist.“
Katrin Bäcker, geboren 1968 in Brandenburg an der Havel studierte an der Humboldt-Universität und an der FU Berlin Kunsterziehung und Sozialpädagogik. Getrieben von der Suche nach alternativen Lebensformen absolvierte sie eine Ausbildung als Tischlerin und erprobte parallel dazu verschiedene künstlerische Medien. Seit der Jahrtausendwende ist sie der Malerei verfallen.
2011 schrieb sie selbst: „Es ist mein Bedürfnis, durch die Situationen, die ich in meinen Bildern entstehen lasse, an den Gesetzmäßigkeiten eines auf permanenten Wachstum fixierten Gesellschafts- und Wirtschaftsmodells ein wenig zu kratzen, sie ins Absurde zu führen, das Menschliche, Anfechtbare hinter der Fassade erscheinen zu lassen“

Lassen sie sich ebenso absorbieren von den Bildwelten, wie es mit mir geschah.

Karin Weber, Galerie Mitte, Dresden, 11.03.2011

  << BACK