ÜBER : SICHT


Steht still. Und schweiget.

Wald. Immer wieder. Ihn vor Bäumen nicht zu sehen: Gilt auch für die Kunst. Besonders für die deutsche, würden manche wohl ergänzen. Das stimmt. Dichter, Maler. Später auch: Fotografen. Wald. Wohin das Auge blickt. Aber, eben: Was sieht es dann?
Man könnte die Antwort mit der Romantik geben. Wo selbst die vereinzelte Silhouette, die sich messerscharf vom Horizont abhebt, immer eine andere ist, als die, welche der Botaniker erkennt, benennt. J'est une autre. Und: Stets Figuren, die zu jener großen Chiffrenschrift zu gehören scheinen.
Wie hier: Undurchdringliches Dickicht. Entziffern lässt es sich nicht. Dicht an dicht die Stämme. Davor Gewirr, verwachsen, verdreht. Gedeiht das noch? Wächst es weiter zu, sobald man leichtfertig für einen Moment beiseite schaut? Fast hört man es rascheln und knacken. So unheimlich ragen die bezweigten Hölzer in den Raum. Wo doch keiner ist.
Loh, Lichter. Gibt Dich vielleicht doch noch einmal gnädig frei. Nur kurz. Damit Du Atem holen kannst, bevor sie sich ganz schließen. Um Dich. Rippen brechen. Du meintest: Das Holz. Aber das war falsch. Ein bisschen spät, um Deinen Irrtum noch zu erkennen. Auch weil es nun dunkelt. Keine Details mehr, bitte. Wie unendlich müde bist Du jetzt.
Natürlich. Ein Traum. Nicht einmal Deiner.
Da steht er. Wieder. Still. Und schweiget. Als wäre. Gewesen? Nein, es war nichts. Nur Wald. Immer wieder. Und Du hast ihn vor Bäumen nicht gesehen.

Wie weggeschnitten

Nein. Kein Meer. Obwohl die Karten sagen: Da sei eines. Es muss anderswo sein.
Oder: Wäre es möglich. Dass Du nicht stehst. Nie dort standest.
Sondern, tatsächlich: Hoch über dem Spiegel fliegst.

Nuit Américaine

Tief Blau. Nacht Schwarz. Dunkel Violett.
Glosende Blüten. Kapseln. Zartes Gras, büschelweise. Dicht an den Boden gekauert. Dazwischen Schösslinge, die sich nach etwas recken. Das Licht sein könnte? Sicher. Weiter hinten hat es helle Flecken. Nur: Woher?
Auch hier: Zwischen dorrenden Bäumen. Zu Füßen: Faulendes Laub. Doch vorn: Reines Gold. Und die Äste: Über und über mit diamanten funkelnden Tränen bedeckt. So muss es sein. Wenn man an Märchen glaubt.
Und dort: Unter den Fittichen eines einzelnen Stammes. Der selbst unsichtbar bleibt, aber fast zu fühlen ist: Aus feinem Gespinst ein Dach. Luftwurzeln? Einige blinken silbern. Da ist es wieder. Das Licht.
Tief Blau. Nacht Schwarz. Dunkel Violett: Une Nuit Américaine.

Die Anderen. Sammlung.

Und wieder Wipfel. In Reih und Glied diesmal. Bestellt zum Spalier. Das Gras, die Büsche: Trocken. Tot. Und trotzdem von frischerem Grün denn je. Welt steht still. Und wartet. Auf welches, auf wessen Signal?
Und wieder Wuchern. Wieder Licht. Fremd. Artifiziell. Aber auf andere Weise: Geordnet, gesetzt. Tote Borke, gesägter Ast. Keine Chiffren, sondern Lettern. Belehrung ist die Sprache, die hier gesprochen wird. Für wen?
Käfige. Und Netze. Gitter als Grundstruktur, in die sich selbst die toten Wedel fügen. Eingefangene Ferne, die keine Sehnsucht mehr kennt. Was dann?
Schiffe, Häfen, Grachten, Werften. Steife Segel. Stolze Masten. Alles im Kasten. Welt steht still. Und wartet. Aber worauf? Hier gibt es weder Wasser noch Wind.
Die Welt im Kasten haben: Das könnte in der Tat auch die Sehnsucht der Fotografin sein. Bilder, Blicke. Doch nie so: Wie im wirklichen Leben. Das sich der Sammlung widersetzt. Das es im Bild, als Bild niemals geben wird. Dafür: Ein Anderes.
Warum also nicht?
Plötzlich diese Übersicht.

 

Verena Kuni, 2007

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