WILDNIS, TIEFE, DÄMMERUNG. DAS PROJEKT GLÖR


Im Jahre 2000 begann man, um bauliche Reparaturen und Verbesserungen am Staudamm vornehmen zu können, das Wasser der Glörtalsperre abzulassen.  Das seit 1904 bestehende Bauwerk zählt zu den kleineren unter den vielen Talsperren im südlichen Nordrhein-Westfalen. Sie sind zumeist Zeugnisse alter Industriekultur, indem sie Kraftanlagen verschiedenster Art betreiben halfen und dies zum Teil heute noch tun, den im weiteren Umfeld gelegenen Städten als Trinkwasser-Reservoire oder zur Regulierung des Wasserstandes von tiefer gelegenen Flüssen dienen: im Fall der Glör ist es die Ruhr. Die dichte Besiedlung der Landschaft brachte zugleich vielen Talsperren noch eine weitere Aufgabe: sie sind inzwischen zu Zielorten mobiler Freizeitgestaltung geworden mit Badestränden, Wassersportanlagen und allem, was zu einem aktiven Wochenendausflug gehört. Diese neue Aufgabe nimmt auch die Glörtalsperre wahr, andernfalls wäre sie wegen ihrer geringen wasserwirtschaftlichen Bedeutung wohl aufgelassen worden. So aber wurden die zwei Millionen Kubikmeter Wasser abgelassen, um die Staumauer trocken zu legen. Nur in einer Mulde blieb noch Wasser stehen, durch das die Glör nun ungestaut hindurch und weiter ins Tal fließen konnte.
Wir kennen das Naturphänomen von in der Sommerhitze trockenfallenden Teichen und Tümpeln, die sich beispielsweise am Grunde von Kiesgruben oder in Steinbrüchen bilden. Sie können sich zu höchst anmutigen und artenreichen Biotopen entwickeln, die in der Trockenheit zu verschwinden scheinen, sich aber schnell regenerieren, wenn eine Regenperiode kommt: das Wurzelwerk blieb ja im Boden lebendig. Wird jedoch eine Talsperre abgelassen, tritt ein lange Zeit unter Wasser und in dämmerigem Licht gelegener Boden zutage, der von sich aus keinerlei Pflanzenwachstum in das neue Tageslicht entlässt. Erst durch Samenflug bildet sich hier eine neue Pflanzenwelt aus Gräsern und Kräutern, und dazwischen können Samen von Bäumen und Sträuchern keimen, die, hätten sie denn ein paar Jahre Zeit, allmählich zu Buschwerk und später zu Wald heranwachsen würden. In diesem Fall war das ausgeschlossen, denn die paar Jahre Bauzeit reichten nur für einen schütteren Bodenbewuchs des Grundes wie der Hänge und Uferzonen.
Als Astrid Korntheuer in den Jahren der Trockenlegung die ihr aus der Kindheit  vertraute Seelandschaft wiedersah, erlebte sie den vorgefundenen Zustand als zwiefache Irritation: vor hundert Jahren waren Pflanzengesellschaften unter dem angestauten Wasser verschwunden, war den sie bewohnenden Lebewesen ihr Lebensraum genommen worden. Nun würde sich eine flüchtige Neubesiedlung ergeben, deren Tage bereits gezählt waren: was da kurzzeitig lebendig wurde, blieb Episode. Die Künstlerin spricht denn auch von einem melancholischen Grundgefühl, das sie angesichts des temporären Zustands dieses Naturraums befiel. Sie begann, die Szenerie eingehend zu beobachten, vor allem hinsichtlich der Lichtsituationen, die an manchen Stellen von kleinen,  den Himmel widerspiegelnden Wasserflächen, anderswo vom Gegenüber eines düsteren Nadelwaldes geprägten Schwärzen gebildet wurden. Als Ergebnis dieser Beobachtung wurden die rund vierzig fotografischen Bilder in der abendlichen Dämmerung aufgenommen - mit einer Linhoff und dem Negativformat 10 mal 12 cm. Tagsüber studierte sie die Natur, die Farbflächen und wie sie sich bei abnehmendem Licht ergeben könnten sowie die Lineaturen des Strauchwerks, um noch bei Licht die produktiven Bildausschnitte festlegen zu können. Am Abend stellte sie die Kamera auf, zu einer Zeit, da es gerade noch genügend hell dazu war. Dann wartete sie, und zwar 23 Minuten nach dem für den Ort angegebenen Sonnenuntergang, um die Aufnahme zu machen. Diese 23 Minuten nach Sonnenuntergang stellten sich als der Zeitpunkt heraus, zu dem sich das Licht des Tages mit der aufkommenden Nacht zu der Dämmerung mischte, die den Bildern der Glörserie ihren an Unterwasser-Aufnahmen erinnernden Farbton geben und in dem das physische Zwielicht eines Frühjahrs- oder Herbstabends in das einer psychischen Grundstimmung von Vergänglichkeit und Vergeblichkeit eingeht. Die Tonlage ist gewissermaßen herabgestimmt, dem Klang fehlen die hohen, lichten Instrumente, wir befinden uns in einem nach- bzw. vorwinterlichen Farbraum zwischen Schwarz- und Blautönen, aus denen stellenweise etwas grün, braun oder rötlich aufscheint und über das sich hier und da ein grafisches Netz weißer Reflexe aus Zweigen und Ästen legt.
Was wir sehen, sind weder topografische Aufnahmen noch botanische Dokumente. Es sind Protokolle eines Zwischenzustandes von Natur, gesehen aus dem Moment des unmittelbaren Erlebens und notiert in einer die kommenden Arbeiten der Künstlerin vorwegnehmenden Bildsprache: die Lichtungen, die Paintings, die Stilleben bauen auf den Finde- und Ausschnitterfahrungen von Glör weiter.

Janos Frecot, 2010

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